Helmut Sackers – ermordet, weil er nicht weghörte

Hel­mut Sa­ckers wurde vor 14 Jah­ren, am 29. April 2000, in Hal­ber­stadt von dem da­mals 28-​jäh­ri­gen Neo­na­zi-​Skin­head An­dre­as S. er­sto­chen. Der Gräu­el­tat ging ein Streit über die von An­dre­as S. laut ab­ge­spiel­te Na­zi­mu­sik vor­aus. Sa­ckers hatte, als er zu­sam­men mit sei­ner Le­bens­ge­fähr­tin das ver­bo­te­ne Horst Wes­sel-​Lied1 und „Sieg-​Heil-​Ru­fe“ aus der Nach­bar­woh­nung hörte, die Po­li­zei alar­miert. Vor Ort an­ge­kom­men gin­gen die Be­am­ten dem Hin­weis, dass es sich um ver­fas­sungs­feind­li­che Musik han­de­le, nicht nach. Statt­des­sen baten sie den mit einem T-​Shirt der Neo­na­zi-​Band „Blue Eyed De­vils“2 be­klei­de­ten S. le­dig­lich darum, die Musik lei­ser zu dre­hen. Hel­mut Sa­ckers droh­te sei­nem Nach­barn im Bei­sein der Ge­set­zes­hü­ter an, An­zei­ge gegen ihn zu er­stat­ten, würde er noch ein­mal die Na­zi­mu­sik spie­len.
Nach­dem die Be­am­ten wie­der ab­ge­zo­gen waren, es­ka­lier­te der Streit im Haus­flur er­neut, als sich der stadt­be­kann­te Neo­na­zi bei Sa­ckers über den Po­li­zei­ein­satz be­schwer­te, so die Aus­sa­ge des Trink­kol­le­gen von An­dre­as S. Dabei habe der Neo­na­zi S. den 60-​jäh­ri­gen Sa­ckers ge­fragt, ob die­ser Kom­mu­nist sei.
Als Sa­ckers wenig spä­ter von einem Gang mit sei­nem Hund zu­rück­kam, sah ihn S. vom Bal­kon aus und lief zum Haus­ein­gang hin­un­ter, an­geb­lich um sei­nen Trink­kol­le­gen zu ver­ab­schie­den. S. stach vier Mal auf sein Opfer ein3. Der Rent­ner ver­blu­te­te noch im Haus­flur. An­dre­as S. ver­stän­dig­te dar­auf­hin die Po­li­zei. Ein­zi­ge mut­maß­li­che Zeu­gin soll die Ver­lob­te des An­ge­klag­ten ge­we­sen sein. Wäh­rend der lau­fen­den Er­mitt­lun­gen hatte sie aus­ge­sagt, sich wäh­rend der Tat in der Woh­nung auf­ge­hal­ten zu haben. Vor Ge­richt be­haup­te­te sie dann, neben dem Täter im Haus­flur ge­stan­den zu haben.

Bei einer Haus­durch­su­chung fand die Po­li­zei mehr als 80 neo­na­zis­ti­sche CDs sowie Vi­de­os und da­mals neu­es­tes Pro­pa­gan­da­ma­te­ri­al mit Auf­ru­fen zum Mord an po­li­ti­schen Geg­nern.4 An­dre­as S. wurde bei der Ver­hand­lung im No­vem­ber 2000 vor dem Lan­ge­richt Mag­d­e­burg ohne jeg­li­chen Bezug auf die po­li­ti­schen Hin­ter­grün­de der Tat frei­ge­spro­chen.
Im Se­pem­ber des nächs­ten Jah­res wurde An­dre­as S. wegen der Ver­brei­tung und Ver­wen­dung ver­fas­sungs­feind­li­cher Pro­pa­gan­da zu einer Geld­stra­fe von 3000 D-​Mark ver­ur­teilt. Im Ver­fah­ren dazu wurde auch die Le­bens­ge­fähr­tin von Sa­ckers als Zeu­gin ge­hört. Dabei war die Be­geg­nung mit dem­je­ni­gen, der ihren Le­bens­ge­fähr­ten um­brach­te und nie ein Wort der Reue oder Ent­schul­di­gung her­vor­brach­te, eine ex­tre­me Be­las­tung. 2003 hatte An­dre­as S. mit sei­nem Be­ru­fungs­an­trag in die­sem Ver­fah­ren Er­folg. Hel­mut Sa­ckers hatte in der Tat­nacht die Po­li­zei ala­mi­ert, weil sein Nach­bar das Horst-​Wes­sel-​Lied ab­spiel­te. Die­ser Fakt wird in­di­rekt für un­gül­tig er­klärt, da der ein­zi­ge be­las­ten­de Zeuge Hel­mut Sa­ckers tot ist.

Im Juli 2001 wurde dann der Frei­spruch vom Bun­des­ge­richts­hof wegen „gra­vie­ren­der Feh­ler“ auf­ge­ho­ben und der Fall an das Land­ge­richt Halle ver­wie­sen.
Der zu­stän­di­ge Rich­ter lobte 2005 die Zi­vil­cou­ra­ge Sa­ckers und sprach An­dre­as S. auf­grund eines an­geb­li­chen „in­ten­si­ven Not­wehr­ex­zes­ses“ er­neut frei.
Der Neo­na­zi habe sich von Sa­ckers und des­sen Hund5 be­droht ge­fühlt und aus „pa­ni­scher Furcht“ eine 1,43 Meter tiefe Kel­ler­trep­pe hin­un­ter zu fal­len, die Gren­zen der Not­wehr über­schrit­ten. Das Mes­ser, so die Ar­gu­men­ta­ti­on der Ver­tei­di­gung, habe der Täter auf­grund einer frü­he­ren „Be­dro­hungs­si­tua­ti­on“6 mit sich ge­führt. Die Staats­an­walt­schaft hatte sechs­ein­halb Jahre Haft für eine ge­fähr­li­che Kör­per­ver­let­zung mit To­des­fol­ge ge­for­dert. Die Ver­tre­ter der Ne­ben­kla­ge kri­ti­sier­ten, dass dem Ge­richt kein ein­zi­ges Indiz oder ein Be­weis für den vom An­ge­klag­ten be­haup­te­ten An­griff durch Sa­ckers vor­lag. Viel­mehr wurde bei der zwei­ten Ob­duk­ti­on des Be­trof­fe­nen unter an­de­rem ein Na­sen­bein­bruch fest­ge­stellt. So wurde der Täter An­dre­as S. im Laufe des zwei­ten Ver­fah­rens zum „Opfer”.
Dass der Fall Hel­mut Sa­ckers bis heute of­fi­zi­ell nicht als rech­ter Mord an­er­kannt wird, macht auf ein­drück­li­che Weise klar, wie mit den of­fe­nen Pro­ble­men des Neo­fa­schis­mus um­ge­gan­gen wird. Die of­fen­sicht­li­che Ver­harm­lo­sung von neo­fa­schis­ti­scher Ge­walt und im Ge­gen­zug die Kri­mi­na­li­sie­rung von an­ti­fa­schis­ti­schem En­ga­ge­ment bie­ten beste Vor­aus­set­zun­gen dafür, dass Neo­na­zis ihre men­schen­ver­ach­ten­de Ge­sin­nung wei­ter ge­samt­ge­sell­schaft­lich eta­blie­ren kön­nen. Die Kon­tak­te, die An­dre­as S. zur „Na­tio­na­lis­ti­schen Front“ hatte, wur­den nicht be­ach­tet. Eben­so wird in vie­len Fäl­len wie bei dem 2003 er­folg­ten An­griff auf das so­zio­kul­tu­rel­le Zen­trum Zora durch Neo­na­zis das po­li­ti­sche Motiv durch die Staats­an­walt­schaft de­men­tiert. An die­sem Abend wurde ein 21-​jäh­ri­ger le­bens­ge­fähr­lich ver­letzt. Ein na­he­lie­gen­der Grund für die ju­ris­ti­sche Ver­tu­schung und die häu­fi­gen Ver­harm­lo­sun­gen ras­sis­ti­scher Über­grif­fe ist das Image der Re­gi­on. Zu Be­ginn der Neun­zi­ger Jahre kam es in den Städ­ten des heu­ti­gen Harz­krei­ses zu vie­len At­ta­cken auf Ge­flüch­te­te. Be­son­ders hef­ti­ge An­grif­fe durch Neo­na­zis gab es auf ein Flücht­lings­heim in Qued­lin­burg. Nur durch das En­ga­ge­ment von Bür­ge­rin­nen sowie lin­ken Ju­gend­li­chen konn­te ver­hin­dert wer­den, dass keine To­des­op­fer zu be­kla­gen waren.

Hel­mut Sa­ckers wurde ein Opfer der neo­na­zis­ti­schen Ideo­lo­gie. Er be­wies vor 14 Jah­ren in Hal­ber­stadt das, wovon der da­ma­li­ge Bun­des­kanz­ler Ger­hard Schrö­der im Zuge des „Auf­stands der An­stän­di­gen” sprach und was als an­geb­li­che „Staats­rä­son“ ge­fei­ert wurde – Zi­vil­cou­ra­ge. Er schritt gegen rech­te Um­trie­be ein und muss­te dafür mit sei­nem Leben be­zah­len. Bis heute ist die­ser Mord nicht of­fi­zi­ell als rechts­mo­ti­viert an­er­kannt.
Am 29. April 2014 wird Hel­mut Sa­ckers, einem von vie­len To­des­op­fern rech­ter Ge­walt, in Hal­ber­stadt ge­dacht.

1 Par­tei­hym­ne der NSDAP
2 Blue Eyed De­vils – US-​ame­ri­ka­ni­sche Neo­na­ziskin­head­band, deren Alben alle ver­bo­ten sind, da sie in ihren Lie­dern den Ho­lo­caust ver­herr­li­chen und offen zum Mord an Kom­mu­nis­ten und po­li­ti­schen Geg­nern auf­ru­fen
3 Die Länge der Klin­ge be­trug 17 cm.
4 u.a. „Kriegs­be­rich­ter“ ver­bo­te­ne DVD, des schwe­di­schen Neo­na­zi-​Ver­san­des „NS88“
5 ein „Klei­ner Müns­ter­län­der“, des­sen Un­ge­fähr­lich­keit im Ver­fah­ren durch einen We­sens­test be­stä­tigt wurde
6 Bei einer Aus­ein­an­der­set­zung in Mag­d­e­burg im Jahr 1991, die auch als frem­den­feind­li­cher Über­griff be­zeich­net wer­den könn­te, hätte An­dre­as S. ein Trau­ma davon ge­tra­gen. Je­doch er­stat­te­te er nie eine An­zei­ge des­we­gen.

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