2009

Ende Februar 2009 fand in „Lolo’s Hof“ in Halberstadt der Landesparteitag der NPD Sachsen-Anhalt statt. Etwa 80 Neonazis wählten einen neuen Landesvorstand. Matthias Heyder, damals bereits NPD-Landesvorsitzender, wurde in seinem Amt bestätigt.
Die bevorstehenden Kommunalwahlen nahm die NPD zum Anlass, mit Ständen, Flugblättern und Plakaten im Harz auf Dummenfang zu gehen. Schließlich konnten je ein Sitz in Wernigerode, Quedlinburg und Halberstadt von der NPD erobert werden. Michael Schäfer, ehemaliges Mitglied der Wernigeröder Aktionsfront (WAF) und damaliger Bundesvorsitzender der NPD-Jugendorganisation, ist seither im Stadtrat von Wernigerode vertreten.
Während sich die NPD im Wahlkampf mit einem bürgerlichen Image über den rechten Szenesumpf hinaus bei der lokalen Bevölkerung anzubiedern versuchte, kam es immer wieder zu Übergriffen von Neonazis. So wurde beispielsweise während des alljährlichen Osterfeuers auf der Jahnwiese in Halberstadt ein 15-Jähriger alternativer Jugendlicher angegriffen, dabei erlitt er unter anderem eine Platzwunde am Auge und Verletzungen im Mundbereich.


Matthias Heyder (1.v.l.) beim NPD-Landesparteitag in Halberstadt

Vereinzelt kam es in Halberstadt auch zu Sprühereien sogenannter „Autonomen Nationalisten“, die langfristig jedoch kein nennenswertes Aktionspotenzial aufweisen konnten. Bereits 2008 gab es in Quedlinburg aus diesem Umfeld einen Aufmarschversuch um die „Aktionsfront Harz“, deren Teilnehmerzahl deutlich unter den Erwartungen der Veranstalter blieb.
Am 8. Mai wurde das „Ragnarök“, ein Laden mit einem Warenangebot für das rechte Klientel, mit Farbe verschönert und die Glasfassade in Mitleidenschaft gezogen. Der Angriff reihte sich ein in weitere direkte Aktionen, um lokalen Neonazistrukturen finanziellen Schaden zuzufügen.


Lothar „Lolo“ Nehrig (rechts) beim NPD-Landesparteitag

So traf es auch verstärkt die Räumlichkeiten des selbsternannten Reichsbürgers Lothar „Lolo“ Nehrig, der wie zu Beginn des Jahres bereits mehrfach durch die Vermietung seiner Räumlichkeiten an rechte Organisationen aufgefallen war. Im Dezember 2009 eröffnete die NPD schließlich ein Bürgerbüro in der Otto-Spielmann-Straße, welches fortan als „Zentrum der Nationalen Bewegung in Halberstadt“ dienen sollte.

2010

Im Februar 2010 sollte im Neonazi-Zentrum in der Otto-Spielmann-Straße ein Liederabend mit dem NPD-nahen Berliner Musiker Sebastian Döhring stattfinden, welcher unter dem Pseudonym „Fylgien“ auftritt. Die Veranstaltung wurde jedoch durch den Landkreis verboten, da im Internet ein Video aufgetaucht war, das Neonazis während des letzten Liederabends mit Fylgien in der selben Lokalität beim Zeigen des Hitlergrußes abbildete. Der damalige Veranstalter Thorsten Fleischmann meldete schließlich für den 8. April eine Kundgebung auf dem Holzmarkt an, um in Form einer Schweigeminute der Opfer des Bombenabwurfs von 1945 zu gedenken. Auf die Idee, dass die Bombardierung nur die Folge des von Deutschland geführten Angriffskrieges und des millionenfachen Mordes aus der nationalsozialistischen Ideologie folgend, sind, kamen Fleischmann und der größtenteils alkoholisierte Neonazihaufen natürlich nicht. Wie ernst es den Nazis mit dem würdigen Gedenken war, konnte jeder Mensch am öffentlichen Urinieren der braunen Kameraden sehen, von denen ein Teil während der Schweigeminute versuchte, einen Fotografen anzugreifen.
Kurze Zeit später gründeten sich die „Autonomen Nationalisten Sachsen-Anhalt“, ein Zusammenschluss aus einschlägig bekannten Nazis aus Halberstadt und Quedlinburg. Zusammen mit NPD-Mitgliedern besuchten sie Naziaufmärsche und sprühten diverse rechte Sprüche und Schablonen in Halberstadt, die jedoch von aufmerksamen Antifaschist_innen recht schnell wieder entfernt werden konnten. Für den 17.Juli planten sie die Durchführung einer Demonstration durch Halberstadt, welche jedoch nicht stattfinden konnte, da die Nazis nicht genügend Ordner ohne Vorstrafen stellen konnten.


Michael Schäfer (1.v.r.) am 02.Oktober. 2010 in Halberstadt

Für den 2. Oktober dann mobilisierten die “Jungen Nationaldemokraten Sachsen-Anhalt” und die „Autonomen Nationalisten“ nach Halberstadt, um der Welt ihre Sicht auf die Wende und den Tag der deutschen Einheit zu präsentieren. Während der NPD-Jugendorganisation ein seriöses Auftreten wichtig war, schimpften ihre parteifreien Kameraden über deren elitäres Verhalten. Alkoholisierte Nazis aus Halberstadt mussten von den eigenen Ordnern der Demo verwiesen werden. Zu späterer Stunde kam es noch zu Sachbeschädigungen durch Neonazis an Fahrzeugen vor dem eigenen “Zentrum”, ein geplanter Angriff auf das soziokulturelle Zentrum Zora wurde durch die Polizei im Vorfeld unterbunden. Der damalige NPD-Landesvorsitzende Matthias Heyder meldete nur zwei Monate später eine neue Demonstration durch Halberstadt an, zu welcher jedoch nicht öffentlich mobilisiert wurde. Am Nachmittag des Vortages, dem 26.11.2010, sagte er die Demo per Fax bei der Polizeidirektion Nord ab, welches die Zuständigen jedoch nicht mehr erreichte. 400 Einsatzkräfte belagerten schließlich am nächsten Vormittag die Stadt, ein Naziaufmarsch fand jedoch nicht statt.

2011

Im Jahr 2011 verstärkte die NPD um Spitzenkandidat Matthias Heyder ihre Wahlkampfaktivitäten. Einen Leseabend des Sozialdarwinisten Thilo Sarrazin in Halberstadt anlässlich der Veröffentlichung seines Buches nahmen die Neofaschisten dankbar als Anlass an, um auf ihrer Kundgebung mit dem extra aus Mecklinburg-Vorpommern herangeholten NPD-Funktionär Udo Pastörs für ihre teilweise auch von Sarrazin vertreteten Thesen zu werben. Der Leseabend fand dann doch nicht wie geplant statt, sondern wurde stattdessen zwei Monate später durchgeführt. Über 400 Teilnehmende zeigten Interesse an Sarrazin und seinen sozialdarwinisten und rassistischen Positionen.

Aus dem großspurig verkündeten “Einzug mit Ansage” in den Sachsen-Anhaltischen Landtag wurde wahrscheinlich nur nichts, weil Heyder über angeblich von ihm getätigte Äußerungen in einem Forum im Internet stolperte. In dem Forum rief ein Benutzer mit dem Namen “Junker Jörg” dazu auf, “linke” Frauen zu “schänden” und stellte Anleitungen zum Bombenbau ein. Heyder bestritt zuerst alle Anschuldigungen, räumte später jedoch ein, mit dem Namen “Junker Jörg” in diesem Forum aktiv gewesen zu sein. Die NPD scheiterte mit 4,6% Stimmanteil nur relativ knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. Nach diesem Misserfolg wurde es erstmal ruhig um die NPD in Sachsen-Anhalt, nahezu der komplette Landesvorstand wurde ausgetauscht, Heyder schließlich im Herbst aus der Partei ausgeschlossen.
Im Juli wurde bekannt, dass der Laden “Ragnarök” in Halberstadt, der von Teleskopschlagstock über Szenebekleidung bis hin zu Rechtsrock-CDs alles zu bieten hatte, was das Neonaziherz begehrt, geschlossen worden war. In der Vergangenheit hatten Antifaschist*innen immer wieder auf das Problem aufmerksam gemacht, eine Demonstration im Oktober 2005, die sich gegen den Laden richtete, wurde von Neonazis angegegriffen.
Am 7. Juli spielten die rechten Rocker von “Kategorie C”, die mit “unpolitischem” Anstrich Konzerte für und mit Neonazis spielen,die zum Teil auch von Neonazis veranstaltet werden, zum wiederholten Mal in Nienhagen. Eine Woche später führte Oliver Malina in Nienhagen eine offen neonazistische Konzertveranstaltung, die auch öffentlich beworben wurde, durch. Mehr als tausend Neonazis feierten auf dem Gelände an der “Hopfendarre” des Besitzers Klaus Slominski zu den Klängen von Rechtsrockbands aus den USA, Großbritannien und Deutschland.

2012

In der Huystraße 23 in Halberstadt befindet sich das Büro des Rechtsanwalts Klaus Laßmann. Mehrmals unterstützte er die Organisatoren von Neonaziaufmärschen mit juristischem Rat in versammlungsrechtlichen Fragen. So auch vor einem rechten Aufmarsch in Aschersleben im Januar 2012. Außerdem trat Laßmann immer wieder als Verteidiger von angeklagten Faschisten vor Gericht auf. So verteidigte er regionale Neonazis und NPD-Funktionäre wie den damaligen Pressesprecher Michael Grunzel.
Im April wurden Sprengstoff und Reste einer Panzergranate aus dem zweiten Weltkrieg bei einem damals 25-jährigen Neonazi aus Thale gefunden. Dieser war bereits wegen Volksverhetzung und anderen rechten Propagandadelikten in Erscheinung getreten.
Trotz der Gründung des Bürgerbündnisses „Nienhagen Rechtsrockfrei“ konnte es nicht verhindert werden, dass im Mai erneut ein internationales Rechtsrockkonzert mit bis zu 1.800 Besuchern stattfand. Hierbei fungierte die Organisation „Honour & Pride“ als Nachfolgeorganisation des verbotenen neonazistischen „Blood & Honour“-Netzwerkes, unter Oliver Malina als Organisator.

Die Kneipe „Zum Absacker“, die von Andreas Eckermannn betrieben wird, wurde immer wieder Ziel von linker Intervention. Der “Absacker” dient als Treffpunkt für alternde rechte Schläger, welche in den Abendstunden alkoholisiert eine Gefahr für all jene darstellen, die nicht in ihr eingeschränktes Weltbild passen. Der Betreiber gibt sich “unpolitisch” und sieht mit den Angriffen auf die Kneipe seine Lebensgrundlage bedroht. Der offensichtlich sehr gute Draht zu seiner zumindest teilweise neonazistischen Kundschaft und seine Gewohnheit in der Freizeit T-Shirts der rechten Modemarke „Thor Steinar“ zu tragen zeigen, dass es sich beim “Absacker” nicht nur um eine Kneipe für “einfache Leute” handelt, wo diese sich “über Fußball und Alltagssorgen” austauschen.

2013

Im Juni 2013 musste die NPD ihr “Zen­trum der na­tio­na­len Be­we­gung” in Halberstadt, wie es der einstige Landeschef Heyder 2009 noch betitelte, aufgeben. Grund dafür waren u.a. der ausbleibende Wahlerfolg und die antifaschistischen Interventionen gegen das Objekt in der Otto Spielmann-Straße 65, welches seit 2009 für die rechtsradikale Partei neben einem Bür­ger­bü­ro auch Räumlichkeiten für Schu­lun­gen, Lie­der­a­ben­de, sowie NPD-​Lan­des­par­tei­ta­ge und Bundeskongresse z.B. auch der Or­ga­ni­sa­ti­on “Ring Na­tio­na­ler Frau­en” bot.
Zum „krönenden Abschluss“ hatte NPD-Kader Michael Grunzel Ende 2012 eine Wohnung in dem Haus bezogen, welches im verpatzten Wahlkampfjahr 2011 noch als Wahlkampfzentrale genutzt worden war. Er war es dann wahrscheinlich auch, der den endgültigen Bruch mit Vermieter Lothar N. und damit die Schließung verursachte. Es kam zwischen Grunzel und Nehrig zum Streit über die beschädigten Autos und die Nebenkostenabrechnung der Wohnräume, nachdem Grunzel Nehrig angeblich dazu aufgefordert hatte “den Judenschweinen” zu zeigen, “wer die NPD ist”. Schließlich wurde der NPD-Mann dem “Reichsbürger” Nehrig gegenüber handgreiflich, woraufhin letzterer den Vertrag als Vermieter kündigte.

Während der Heders­le­be­ner Ta­xi-​Un­ter­neh­mer Hans-​Jür­gen Kuhn und Micha­el Schä­fer, An­ge­stell­ter der säch­si­schen Land­tags­frak­ti­on und JN-​Ka­der, im Harzer Kreistag sitzen, schafften es ihre Kameraden wie z.B. Mi­che­le Kurth Schulhof-CDs im Harzkreis zu verteilen und sich gemeinsam mit anderen Neonazis im Boxverein SG Stahl Blankenburg für den Wahlkampf auf der Straße zu stählen.
Am 25. Mai 2013 fand zum wiederholten Male in Nienhagen nahe Halberstadt auf dem Gelände der Alten Hopfendarre eines der größten Neonazikonzerte in der BRD mit internationaler Beteiligung statt.
Damit brach Klaus Slominski, Besitzer des Geländes, sein Versprechen, in Zukunft sein Grundstück nicht mehr für Rechtsrockkonzerte zur Verfügung zu stellen, wenn sich die Mehrzahl der Menschen in Nienhagen dagegen aussprechen würde. Bei einer Abstimmung einige Monate zuvor, die vom Bündnis Nienhagen Nazifrei initiiert worden war, hatte jedoch eine Mehrheit von 80% gegen die Neonaziveranstaltungen gestimmt. So half letztendlich eine Summe von mehreren tausend Euro Slominski, seine Zusage, dass bei ihm keine Rechtsrockkonzerte mehr stattfinden würden, zu vergessen.


Klaus Slominski & Oliver Malina vor der Hopfendarre

Malina befand sich nämlich in der „misslichen“ Situation, dass die von ihm initiierte Rechtsrockparty unter dem Motto „This is for the Skinheads again“, aufgrund von Auflagen, nicht wie geplant in dem von ihm gekauften Schloss in Groß Germersleben nahe Oschersleben abgehalten werden konnte. Auch das Ausweichgelände in Groß Naundorf, Landkreis Wittenberg, erfüllte die baulichen Maßgaben nicht und der Betreiber einer Großraumdiskothek in Ballenstedt zog seine Angebot an Malina ebenfalls auf Drängen der Einwohner_innen zurück. Wäh­rend sich die Mehr­heit der Nienhagener_innen an den durchs Dorf zie­hen­den Neo­na­zi­hor­den störte, pro­fi­tiert ein Teil der Ein­woh­ner_innen durch das Ver­mie­ten von Fe­ri­en­woh­nun­gen an Kon­zert­be­su­cher. Die Faschisten kamen teilweise sogar aus dem Ausland um u.a. Bands wie „End­stu­fe“ und „Kom­man­do Skin“ in Nienhagen sehen und hören zu können. Am Rande des Kon­zerts kam es zu einem tät­li­chen An­griff auf einen Jour­na­lis­ten durch teilnehmende Neonazis.

2014

In diesem Jahr am 25. Mai finden die Kommunalwahlen statt. Natürlich läuft sich auch die NPD dafür warm, auch wenn aufgrund knapper Finanzen nicht mit einem so aufwändigen und teuren Wahlkampf zu rechnen ist wie zur Landtagswahl 2011.
Die Panikmache wegen angeblich immens steigender Zuwanderungszahlen, die Anfang des Jahres unter anderem von der CSU betrieben wurde, ist selbstverständlich auch ein gefundenes Fressen für die NPD. Auf neuen Flyern, die seit Ende letzten Jahres in Umlauf sind, wirbt die rechte Partei damit, „die Asylflut stoppen“ zu wollen. Um ihre Behauptungen zu belegen, stellte sie eine Anfrage an den Landkreis Harz, u.A. um Zahlen von Asylbewerbern im Landkreis Harz und dadurch entstehende Kosten in Erfahrung zu bringen. Textpassagen aus der Antwort des Landkreises, die nicht in das Bild der Partei passten, wurden einfach umgedeutet oder dem Landkreis wurde Unaufrichtigkeit bei der Beantwortung unterstellt.
Gleichzeitig inszeniert sich die NPD wieder als „Kümmererpartei“. Dies wird an einem Schreiben von Michael Schäfer deutlich, in dem er die Schließung von Grundschulen im Landkreis beklagt. Die Masche ist offensichtlich: Die Sorgen der Bevölkerung sollen für eigene Zwecke ausgenutzt werden. Wie die NPD einerseits fordert Flüchtlinge noch schneller abzuschieben und damit in vielen Fällen in den sicheren Tod zu schicken und andererseits jammert, wenn ein Paar deutsche Kinder 10 km mit dem Bus zur Schule fahren müssen, ist einfach nur widerlich.
Es bleibt abzuwarten, welche Unzumutbarkeiten in diesem Jahr noch von der NPD kommen werden.